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Einleitung 

Warum ich dieses Buch geschrieben habe: aus Dankbarkeit!

An einem heißen Sommernachmittag in meinem Leipziger Büro am Max-Planck-Institut für Neurowissenschaften fand ich während einer Literaturrecherche einen interessanten Fachartikel. Ich machte mir überall Notizen am Seitenrand und freute mich über diesen Fund. So ein Glücksfall! Ich hatte all das gefunden, was ich für meine Publikation gesucht hatte. Nach einigen Seiten fingen die Inhalte jedoch irgendwie an mir bekannt zu werden. Plötzlich überkam mich ein Zweifel und ich griff in einen der Stöße auf meinem Schreibtisch: Den gleichen Artikel hatte ich ja ein halbes Jahr davor downgeloadet und gelesen, mit den gleichen Notizen versehen, mit einem Leuchtstift an den gleichen Stellen markiert. Wie konnte ich ihn komplett vergessen haben? Ich kannte die Autoren und ihre Forschungsschwerpunkte persönlich und gut. Aber ich hatte den Artikel vergessen. Entsetzt berichtete ich Maren, meiner Bürokollegin, darüber. Zu jenem Zeitpunkt führte sie morphometrische Messungen des Hippocampus durch, sie vermaß also das Volumen einer ganz wichtigen Gedächtnisstruktur im Gehirn. Maren kommentierte lapidar: „Wen wundert das? Du versumpfst seit Monaten jeden Abend hier drin, zehn, zwölf Stunden am Tag! Dein Hippocampus ist bestimmt schon im Eimer“. Ihre Worte trafen mich, denn sie wusste, wovon sie sprach. Und ich war entsetzt über meine Fehlleistung, und beschämt obendrauf, ausgerechnet in unserem Büro, in dem wir beide – tagein, tagaus – Gedächtnisforschung betrieben. Obwohl Maren viel von mir wusste, konnte sie nicht ahnen, dass ich über das „Versumpfen“ im Büro hinaus auch sehr schlecht schlief, nächtelang wachte, über Statistik grübelte, über Programmierung des Kernspintomographen, darüber, wie ich widersprüchliche Ergebnisse in einen sinnvollen Zusammenhang für meine Fachpublikation bringen könnte. Ich hatte Stress, schlief zu kurz und unruhig, verbrachte zu viel Zeit am Schreibtisch, weil ich auch zu wenig effizient war. All das war mir bewusst und dies auch schon lange vor meinem Gedächtnisausfall, aber es war mir nicht bewusst, dass ich etwas dagegen tun sollte.

Am nächsten Tag, als ich ins Büro kam, fand ich auf dem Schreibtisch einen Stoß Fachpublikationen über den Hippocampus. Maren grinste mich an und sagte: „Du musst dich einlesen, damit du weißt, wie es um dich steht.“ Der Witz hörte sich fast wie eine Drohung an und ich wurde wieder wachgerüttelt. Nun war es mir klar. Diese Episode konnte ich einfach nicht unter den Teppich kehren. Beim Hinausgehen aus dem Büro fügte sie hinzu: Und schau, dass du heute raus kommst. Um halb sechs bin ich vom Labor zurück, ich will dich nicht mehr hier sehen! Fahr mit deinem Rad zum Cossi und danach nach Hause. Wehe, du kommst am Abend ins Büro!“ Kurz bevor Maren wieder kam schlich ich mich tatsächlich aus dem Institut, stieg auf mein Fahrrad und fuhr zum Cospudener See alias Cossi, wie die Leipziger ihren Badesee liebevoll nennen.

An jenem Tag traf ich eine der wichtigsten Entscheidungen meines Lebens, aus Scham, aus Stolz aber auch aus Angst, unbewusst, mein Gehirn wieder „in die Gänge zu bringen“. Und tatsächlich fuhr ich danach jeden Tag, den ganzen Sommer lang, meine 30 Kilometer mit dem Fahrrad. Im Herbst war mein Gedächtnis wieder auf Vordermann und ich konnte auch wieder schlafen. Seitdem vergeht fast kein Tag ohne Bewegung und es geht mir gut, besser als je zuvor. Seitdem habe ich mich tief in die Materie „Bewegung und Gehirn“ eingearbeitet. Meine Erfahrung und mein Wissen möchte ich jetzt durch dieses Buch weitergeben, aus Dankbarkeit!

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